Als ich meinem Mann von diesem Text erzählte, fühlte er sich angegriffen. Er habe das Gefühl, dass ich ihm vorschreiben wolle, wie er zu sein habe… So wird es vielleicht noch einigen Männern gehen, die diesen Text lesen. Dieser Text möchte eine Einladung sein – eine Anregung dazu, was wir Frauen uns von Männern wünschen, und eine Möglichkeit, das Thema Männlichkeit mit neuen, vielleicht überraschenden Blickwinkeln zu entdecken.
Warum Bubenarbeit so wichtig ist - gerade jetzt und für unsere Töchter!
02.09.2026
Wenn wir auf die Emanzipationsgeschichte der letzten 100 Jahre schauen, haben unsere Vorfahrinnen und wir jetzigen Frauen einiges geleistet. Frauen haben sich in und nach den Wirren des ersten Weltkrieges zusammengeschlossen, um «Frauenvereine» zu gründen, um die Kriegswaisen zu unterstützen. Im Rahmen dieser Zusammenschlüsse haben sich Frauen politisiert und forderten ein Mitbestimmungsrecht. Darum war eine wichtige Mission der 1969 gegründeten Frauenzentrale Zug der Kampf um politische Mitsprache. Das Frauenstimmrecht wurde 1971 Realität. Und bereits drei Jahre später wurde Margrit Spillmann die erste Zuger Kantonsrätin.
1981 erstritten sich Aktivistinnen die formale Gleichstellung der Geschlechter in der Bundesverfassung: «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.» 1992 wurde die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt, gilt jedoch erst seit 2004 als Offizialdelikt. Seit 2002 dürfen ungeplant Schwangere bis in die 12. Woche straffrei eine Schwangerschaft abbrechen. Ergänzend dazu wurden schweizweit Beratungsangebote geschaffen, um sich in dieser Entscheidung von Fachpersonen begleiten zu lassen. 2013 folgte die Anpassung des Namensrechtes. Seither sind Ehefrauen nicht mehr gezwungen, den Namen des Ehegatten anzunehmen, sondern dürfen ihren Geburtsnamen behalten. Und seit 2019 ist Zug mit der ersten Frau, Manuela Weichelt, im Nationalrat vertreten.
Frauen haben sich in diesen Jahren nicht nur politische Rechte erkämpft, sondern auch ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, einen Mann zu heiraten um ein finanzielles Auskommen haben. Wir können ein selbstbestimmtes Leben führen mit einem Mann oder mit Katzen. Das heisst im Umkehrschluss für die Männer, sie werden nicht mehr als Ernährer und Versorger gebraucht, stattdessen müssen sie als Partner gewollt werden.
Das bedeutet für Männer, dass auch sie ihre Rolle im Gesellschaftsgefüge neu definieren dürfen. Das bringt auch Unsicherheiten mit sich. Fragen: «Was bedeutet Mann sein?», «Was ist männlich?», «Und wie wird man ein Mann?», sind Fragen, die sich vor allem heranwachsende Jungen stellen. Oftmals sind sie mit Sätzen gross geworden, die vor allem Hinweise darauf geben, wie sie nicht sein sollen: «Jungs heulen nicht.» oder «Tu nicht wie ein Mädchen» oder «Jetzt sei nicht so sensibel» oder «Angst ist was für Susis» oder «Gefühle haben doch nur Schwächlinge» oder «Bist Du schwul, oder was?». "Männlich-sein" ist also vor allem "Nicht-weiblich-sein". Aber nur weil man weiss, wie man nicht sein darf, weiss man ja noch lange nicht wie man denn sein soll.
Bestimmte Männer definieren sich vor allem darüber, wogegen sie sind: Gegen Pronomen, gegen Feminismus, gegen Veganismus, gegen Vielfalt, gegen Regenbogen, gegen Selbstreflexion - halt einfach gegen alles, was sich verändert. Es ist ein starres Männlichkeitsbild, dass auf Angst, Abwehr und Abwertung basiert. Ein Bild jedoch, dass in unzähligen Kanälen in den Sozialen Medien von Männern kolportiert wird und den suchenden Jungs einfache Antworten auf eine sehr komplexe Fragestellung, was es heisst ein Mann zu sein, anbietet: Sei gross und stark. Iss Fleisch. Tanz nicht. Sei ernsthaft. Lös deine Probleme allein. Schluck deine Gefühle runter. Geh ins Gym. Sei dominant gegenüber deiner Freundin - sie hat dir zu gehorchen. Sei reich, und wenn du es nicht schaffst reich zu werden, dann hast du einen zu schwachen Willen. Es gibt notabene eine ganze Coaching-Industrie rund um dieses enge Männlichkeitsideal.
Starre Männlichkeitsbilder (und Weiblichkeitsbilder) sind ein Risikofaktor für viele Formen der Gewalt. Wenn die Dominanz eines Mannes in Frage gestellt wird, kann es ein Versuch sein, diese mittels Gewalt wieder herzustellen. Die Abwertung von Frauen (oder queeren Personen) führt zu einer Entmenschlichung und kann Gewalt begünstigen. Unausgedrückte und unregulierte Gefühle können sich in gewaltvollem Verhalten entladen. Und die Angst vor einem Status- oder Gesichtsverlust mündet manchmal in körperlicher oder sexualisierter Gewalt.


Grafik in Anlehnung an ellathebee (Instagram) Beitrag vom 06.02.26
Ich denke es ist an der Zeit, dass sich Männer mit diesen Themen befassen, denn sie sind die Vorbilder ihrer Söhne und die Väter ihrer Töchter. Die Jungen brauchen Vorstellungen davon, wie ein Mann sein kann und wie sich ein Mann gegenüber seiner Frau oder Mutter verhält. Wenn der Vater die Mutter abwertet oder beschimpft, lernt der Sohn, dass es in Ordnung ist, so mit der eigenen Mutter und mit der zukünftigen Frau umzugehen. Und, ja, da bin ich jetzt Spielverderberin, das beginnt bei dummen Witzen (Warum hat die Frau eine Hirnzelle mehr als ein Huhn... Und so weiter...).
Diese Bubenarbeit muss von Männern und Vätern geleistet werden. Und darum, liebe Männer und Väter; ihr formt die nächste Generation und wenn ihr möchtet, dass eure Kinder glückliche und vor allem gewaltfreie Beziehungen führen, dann beschäftigt euch mit euren Söhnen. Seid liebevoll mit ihnen, nehmt sie in den Arm, auch wenn sie schon über 12 Jahre alt sind. Zeigt ihnen, dass ihr nicht immer alles im Griff habt, dass es ok ist zu scheitern, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Freut euch mit ihnen und zeigt euch ihnen auch, wenn ihr traurig seid oder euch vor etwas fürchtet. Übernehmt Verantwortung für ihre Kinderarzttermine und begleitet sie dahin. Setzt ihnen wohlwollend klare Grenzen und liebt sie dann besonders fest, wenn sie irgendwo versagt haben. Erforscht mit ihnen gemeinsam, was Männlichkeit bedeutet und was für Männer sie werden können. Und zwar solche, die von ihren zukünftigen Freund:innen gewollt werden.
Und damit ihr das alles könnt, spürt euch selbst, nehmt wahr, wenn euch etwas gefällt, verletzt, enttäuscht oder melancholisch macht. Spürt eure eigenen Grenzen und respektiert sie. Seid gut zu euch selbst und pflegt euren Körper, euren Geist und eure Psyche. Kümmert euch um die Menschen um euch herum. Respektiert die Meinungen anderer Menschen, vielleicht auch gerade die derjenigen, die ihr nicht mögt oder derjenigen, denen ihr euch überlegen fühlt. Und sprecht über all das mit euren Partner:innen, sie werden sich freuen.
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Simone Haug
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